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Wenn frau mal muss …

Für die Zeitung «Berner EVP», Ausgabe 4/2021, durfte ich das Editorial schreiben. Darin erzähle ich von einem Erlebnis, das ich vor 25 Jahren hatte. Obwohl schon so lange her, ist es immer noch brandaktuell. Doch, lesen Sie selbst!

Wenn frau mal muss …

Genau das passierte mir vor 25 Jahren in einem amerikanischen Einkaufszentrum. Mit meinem Schweizer Horizont ging ich schnurstracks zur Information und fragte nach einem Behinderten-WC. Wegen einer Muskelkrankheit bin ich auf den Rollstuhl und somit auf ein grösseres WC angewiesen. Die Frau hinter der Theke schaute mich verständnislos an, zeigte mit der Hand und meinte mit grosser Selbstverständlichkeit: «Die WCs sind dort drüben!» Etwas verdutzt machte ich mich auf den Weg, war und bin ich es doch gewohnt, dass es an öffentlichen Orten kein WC für mich gibt. Ist eines vorhanden, dann häufig an einem separaten Ort und mit einem Schlüssel abgeschlossen, den ich mir erst beschaffen muss. Nicht so in den USA. Mitten unter den anderen WCs war eines, das auch ich benutzen konnte. Ganz selbstverständlich.

Diese Selbstverständlichkeit vermisse ich in der Schweiz. Fehlende WCs sind nur ein Beispiel dafür, dass wir Menschen mit Behinderung von der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Dabei sagte Gott bereits zu den Israeliten: «Legt einem Blinden kein Hindernis in den Weg!» (3. Mose 19,14). Das macht mir Mut, mich für die Anliegen von uns Behinderten einzusetzen. Gemäss Bundesamt für Statistik machen wir 20 % der Bevölkerung aus. Wir sind aber in Parlamenten und Regierungen kaum vertreten. Das muss sich ändern. Deshalb kandidiere ich für den Gemeinderat von Wohlen und den Grossen Rat.

Simone Leuenberger, Wohlen

Quelle

Editorial Zeitung Berner EVP 4/2021

2 Kommentare

  1. Dieses eindrucksvolle Beispiel belegt zudem die Notwendigkeit, den Artikel 8 der UN-Behindertenrechtskonvention verstärkt anzuwenden. Dieser verpflichtet die Vertragsstaaten zu sofortigen, wirksamen und geeigneten Maßnahmen der BEWUSSTSEINSBILDUNG. Ziel ist es, in der Gesellschaft das Bewusstsein für Menschen mit Behinderungen zu schärfen und die Achtung ihrer Rechte und ihrer Würde zu fördern. Die Maßnahmen sollen dazu beitragen, dass Klischees, Vorurteile und schädliche Praktiken gegenüber Menschen mit Behinderungen, auch aufgrund des Geschlechts oder des Alters, in allen Lebensbereichen bekämpft werden und dass das Bewusstsein für die Fähigkeiten und den Beitrag von Menschen mit Behinderungen gefördert wird. Und: die Maßnahmen zur Bewusstseinsbildung müssen endlich auch viral werden und sich nicht nur auf bestimmte Anlässe oder Tage beschränken.

    • Danke für diesen wertvollen Hinweis. Es gibt noch viel zu tun.

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