Auch aus ökonomischer Perspektive gilt es, die separative Beschulung in Sonderschulen zu überwinden.
Mein Gastbeitrag in vpod bildungspolitik 243 vom April 2026, Seite 35
Gingen Sie gerne zur Schule? Ob Sie diese Frage nun mit «ja» oder «nein» beantworten, eines ist sicher: Wenn Sie die Möglichkeit hatten, zur Schule zu gehen, wird diese Frage in Ihnen ganz viele Erinnerungen wecken. Schöne und weniger schöne. Und Sie haben sicher eine Menge Ideen, was die Schule tun oder lassen müsste. Kaum ein anderer Politikbereich ist so von persönlichen Erfahrungen geprägt wie das Bildungswesen.
Zur Einstiegsfrage: Ja, ich ging gerne zur Schule. Ich durfte sogar die öffentliche Schule in unserem Dorf besuchen. Warum erwähne ich das? Es war alles andere als selbstverständlich. Ich wurde erst einmal provisorisch aufgenommen – als einzige der Klasse. Für alle anderen galt die obligatorische Schulpflicht. Für mich nicht. Wundert Sie das?
Separatives Schulsystem
Im Kanton Bern wurde die allgemeine Schulpflicht zwar bereits mit der kantonalen Verfassung von 1831 und einem Regierungsratsbeschlusses von 1832 eingeführt – Jahrzehnte vor der Umsetzung auf Bundesebene. Kinder mit Behinderung mussten allerdings im Kanton Bern fast 200 Jahre warten, bis die Schulpflicht mit dem neuen Volksschulgesetz 2022 auch für sie Realität wurde. Vorher wurden Kinder mit Behinderung ausgeschult. Ihre Eltern mussten selbst einen Schulplatz suchen, häufig erfolglos.
Dass ich mit meiner Behinderung in den 1980er-Jahren dennoch die Regelschule in unserem Dorf besuchen konnte, verdanke ich Menschen, die Lösungen sahen statt Hindernisse, und dem Engagement meiner Eltern. Mittlerweile unterrichte ich selbst seit Jahren am Gymnasium Wirtschaft und
Recht – und begegne kaum Schüler:innen, die wie ich im Rollstuhl unterwegs sind. Am barrierefreien Zugang kann es nicht liegen – sonst käme ich als Lehrperson auch nicht hin –, wohl eher an unserem Schulsystem.
Seit die allgemeine Schulpflicht für Kinder mit Behinderung gilt, schiessen neue Klassen im besonderen Volksschulangebot separiert – so heissen die Sonderschulen im Kanton Bern – wie Pilze aus dem Boden. Der Nachholbedarf ist unbestritten. Warum dieser so stark über die separierte Schulung abgedeckt wird, erschliesst sich mir als Mensch mit Behinderung und Ökonomin kaum. Ein Platz im besonderen Volksschulangebot separiert kostet pro Jahr ungefähr 74’000 Franken, ohne Schüler:innentransport und ausserschulische Betreuung. Ein Platz in der Regelschule ist rund 60’000 Franken günstiger. Mit diesem Betrag liesse sich über die 38 Schulwochen pro Jahr faktisch eine individuelle 1:1-Begleitung finanzieren.
Volkswirtsschaftliche Schäden
Die Kosten enden jedoch nicht beim Schulbesuch. Wer nach einer separierten Schulzeit keinen Berufsabschluss schafft, hat später erheblich schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt und auf ein existenzsicherndes Einkommen.
Bei einem behinderungsbedingten Erwerbsausfall von mindestens 40 Prozent besteht Anspruch auf eine Invalidenrente. Wenn diese nicht reicht, helfen die Ergänzungsleistungen, den Existenzbedarf zu decken. Für eine erwachsene Person belaufen sich diese allein für den allgemeinen Lebensbedarf auf rund 20’670 Franken pro Jahr. Dazu kommen Miete und Krankenkassenprämie bis zu einem festgelegten Höchstbetrag. Vom 18. Lebensjahr bis zum Referenzrentenalter summieren sich so leicht über zwei Millionen Franken. Weil kein rentenbildendes Einkommen erwirtschaftet wurde, setzt sich diese Abhängigkeit anschliessend fort. Über ein Leben kommen schnell gegen drei Millionen Franken zusammen. Diese Rechnung ist vereinfacht, zeigt
aber volkswirtschaftliche Konsequenzen fehlender Bildung.
Schule neu denken
Ich schätze es, dass wir in der Schweiz ein soziales Auffangnetz haben. IV-Rente und Ergänzungsleistungen sind unverzichtbar und eine grosse Errungenschaft. Sie dürfen aber nicht dazu führen, dass wir Kinder schon zum Vornherein auf den separierten Bildungsweg schicken. Fehlen Kinder mit Behinderung im Klassenzimmer, fehlen sie später auch in Ausbildung und Beruf – und damit fehlen Fähigkeiten, Perspektiven und wertvolle Ressourcen. «Überforderung!», mögen einige nun rufen. Ja, unsere heutige Schule hat Potenzial zu überfordern: Kinder, Lehrpersonen, Erziehungspersonen, aber auch die Politik. Einige möchten zurück zur Schule, wie sie einst war. Andere möchten sie verändern oder von Grund auf neu denken.
Ich bin überzeugt, dass wir wegkommen müssen von einer Schule nach dem Schema: 1 Klasse, 1 Lektion, 1 Lehrperson, 1 Schulzimmer, 1 Thema. Verändert sich die Gesellschaft, so muss sich auch die Schule verändern. Bauen wir an einer Schule, die jedes Kind befähigt, sein Potenzial auszuschöpfen. Bauen wir Schulen, die für alle Kinder zugänglich sind. Investieren wir das Geld in Inklusion statt in Separation. Dann schaffen es auch Jugendliche mit Behinderung ganz selbstverständlich ans Gymnasium oder in die Berufslehre. Der Return on Investment wird sich sehen lassen. Inklusion zahlt sich aus, menschlich und ökonomisch!
Bild: (c) benizubi.ch
